OTS: Börsen-Zeitung / Bitter notwendig, Kommentar zu Daimler von Sebastian Schmid

Wednesday, 24. June 2020 20:37

Bitter notwendig, Kommentar zu Daimler von Sebastian Schmid

Frankfurt (ots) - Daimler, BMW und Volkswagen haben stets betont, alle wichtigen

Technologien in ihren Autos selbst beherrschen zu wollen. Schon in der

Vergangenheit war dies ein Anspruch, dem sie nicht immer gerecht wurden - da

reicht schon der Blick auf den Dieselskandal. Mit den zahlreichen neuen Themen

wie Digitalisierung, autonomes Fahren und Elektromobilität wirkt der Anspruch

noch vermessener.

Daimler gesteht mit der aufgelösten BMW-Kooperation und der engen

Technologiepartnerschaft mit dem US-Grafikchipproduzenten Nvidia nun ein, dass

man selbst bei essenziellen Teilen des künftigen Automobils mit branchenexternem

Know-how besser fährt. Zwar erklärte Daimler- und Mercedes-CEO Ola Källenius

weiter, dass es ein eigenes Mercedes-Betriebssystem geben werde, in das sich die

Nvidia-Lösung perfekt integrieren lasse. Jensen Huang, Gründer und CEO von

Nvidia, ließ aber keinen Zweifel an seiner starken Position in der Kooperation:

Prozessor, Systemsoftware, KI-Plattform, Datentransfers und Over-the-Air-Updates

- Nvidia soll künftig überall mitmischen.

Im Infotainment-Bereich haben die Kalifornier Daimler mit MBUX zu einem

Quantensprung verholfen. Nun vertraut Källenius darauf, dass dies auch bei

autonomem Fahren und der Software-Architektur gelingen kann. Allerdings ist der

Rückstand auf Rivalen wie Tesla offenbar gewaltig. Ab 2024 soll die neue

Hardware-Software-Lösung in jeden Mercedes eingebaut werden und diesen damit

umfänglich für Softwareaktualisierungen im Hintergrund öffnen. Der Zeitplan ist

ambitioniert angesichts der üblichen Entwicklungszyklen in der

Automobilindustrie. Und doch ist Daimler spät dran.

Zum Überholvorgang kann nur ansetzen, wer den Gegner in Sichtweite hat. Das gilt

in Bezug auf die Softwarearchitektur und Tesla derzeit nicht. Die anderen

deutschen Hersteller haben indes keinen Grund, den heimischen Konkurrenten zu

belächeln. VW hat gerade erst eine eigene Softwareeinheit unter dem Dach der

Konzernmutter gegründet. Am Erfolg der Eigengewächse darf gezweifelt werden -

nicht nur wegen der Softwareprobleme bei ID.3 und Golf 8. BMW hat zwar ein

üppiges Software-Update Over the Air ausgeliefert. Allerdings waren die Autos

während der 20-minütigen Aktualisierung unbenutzbar. Bei Tesla läuft so etwas im

Hintergrund.

In der Digitalisierung fährt die deutsche Autoindustrie hinterher. Dass es einen

starken, gleichwertigen Partner braucht, war für Daimler sicher eine bittere, in

jedem Fall aber eine notwendige Erkenntnis.

Pressekontakt:

Börsen-Zeitung

Redaktion

Telefon: 069--2732-0

www.boersen-zeitung.de

Weiteres Material: https://www.presseportal.de/pm/30377/4633687

OTS: Börsen-Zeitung

AXC0341 2020-06-24/20:37

Related Links: 
Author:
dpa-AFX
Copyright dpa-AFX Wirtschaftsnachrichten GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Weiterverbreitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung ohne ausdrückliche vorherige Zustimmung von dpa-AFX ist nicht gestattet.